15.02.2016

Interview mit Lisa Lindenberg

Direkte Hilfe für betroffene Menschen – in Kooperation mit dem Netzwerk Palliativmedizin Essen (NPE)

Ende 2015 ist das Projekt „Palliativberatung Essen“ des Vereins MENSCHENMÖGLICHES e. V. an den Start gegangen. Redakteurin Julia Laska sprach mit Lisa Lindenberg, zentrale Ansprechpartnerin im Projekt, über die Hintergründe und Ziele der „Palliativberatung Essen“ – und warum das Projekt nicht nur wichtig, sondern notwendig ist.

Können Sie mir kurz erläutern, worum es im Projekt geht?

Lisa Lindenberg: In erster Linie geht es darum, eine Zugangsgerechtigkeit für jeden zu schaffen, der in Essen Informationen zur Palliativ-Versorgung benötigt. Gleichzeitig geht es auch darum, auf diese Weise eine Fehlversorgung zu vermeiden und für den individuellen Fall die „richtige“ Versorgung zu finden. Regionale Vernetzung ist hier ein wichtiges Stichwort. Ich kenne die Versorgungsstrukturen und die entsprechenden Anlaufstellen hier in Essen und arbeite mit ihnen gut zusammen. Deshalb kann ich dann auch konkret weiterhelfen. Denn nur wer gut und ausreichend informiert ist, kann gezielt die für ihn oder sie richtige Entscheidung treffen. Und oftmals sind viele Angebote, die in Frage kommen und kostenfrei oder auch durch ärztliche Verordnung in Anspruch genommen werden können, gar nicht bekannt. Dies macht die Palliativberatung in Essen so wichtig und notwendig.

Aufklärungsarbeit ist also eines der zentralen Ziele des Beratungsangebots?

Lisa Lindenberg: Ja, definitiv. Die Informationsweitergabe und Aufklärung darüber, was der Begriff „palliativ“ bedeutet und welche Unterstützungsmöglichkeiten es vor Ort gibt, sind zentrale Bestandteile meiner Arbeit. Ein positiver Nebeneffekt ist, dass ich in den Gesprächen auch einen Teil der Ängste und Sorgen nehmen kann, welche die Beteiligten mit sich herumtragen. Denn die Situation, in der eine Erkrankung nicht mehr heilbar ist, überfordert oftmals Patienten wie Familienmitglieder. Ich begleite sie ein stückweit und zeige Wege auf, die sie gemeinsam gehen können. Das erleichtert.

Richtet sich das Angebot ausschließlich an Betroffene und ihre Angehörigen?

Lisa Lindenberg: Nein, im Prinzip an jeden Essener, der Rat und Hilfe in schwieriger Situation braucht. Dazu gehören beispielsweise auch ehrenamtliche oder professionelle Begleiter, wie Berufsbetreuer oder behandelnde Ärzte. Generell stehe ich jedem beratend zur Seite – niemand wird ausgeschlossen.

Wie läuft ein Beratungsgespräch bei Ihnen ab?

Lisa Lindenberg: Das ist ganz unterschiedlich. Ich bin telefonisch erreichbar, stehe aber auch für persönliche Gespräche zur Verfügung. Manche rufen an und haben gezielte Fragen zur Palliativ-Versorgung, zum Beispiel welche Möglichkeiten in der ambulanten Betreuung eines schwerstkranken Menschen bestehen. Andere wiederum haben Bedarf an einem persönlichen, längeren Gespräch, um die für sie wichtigen Hilfsangebote in Erfahrung zu bringen oder sich erst einmal einen Überblick zu verschaffen. Dabei nehme ich mir in den Gesprächen stets die Zeit, die benötigt wird. Folgegespräche sind ebenfalls jederzeit möglich. Die Beratung – ob telefonisch oder persönlich vor Ort – ist generell kostenfrei.

Können Sie ein Beispiel einer Beratungssituation nennen?

Lisa Lindenberg: Vor Kurzem war eine Angehörige bei mir, deren Mutter seit Jahren an Krebs leidet und deren kurative Therapie leider ausgeschöpft ist. Die Ärzte rieten zu einer Palliativ-Versorgung. In der stationären und ambulanten Versorgung gibt es eine Vielzahl an Möglichkeiten – von Altenpflegeeinrichtungen, Palliativstationen, ambulanten Versorgungsdiensten, wie etwa palliative Pflegedienste etc. Wichtig ist, dass die Angebote zum Betroffenen passen. In diesem Fall war es so, dass die Patienten den Wunsch äußerte, zu Hause sterben zu wollen. Auf dieser Grundlage haben wir dann gemeinsam geschaut, welche konkreten Angebote im ambulanten Sektor in Frage kommen und umsetzbar sind. Im Zentrum stehen stets die persönlich empfundene Lebensqualität des Betroffenen im Rahmen seiner Erkrankung und das, was er sich in dieser letzten Lebensphase vorstellt und wünscht.

Sie waren vor Ihrer beratenden Tätigkeit mehrere Jahre im Gesundheitssektor und in der palliativen Betreuung tätig. Hat sich die Bedeutung der Palliativ-Versorgung aus Ihrer Sicht verändert?

Lisa Lindenberg: Ja. Es gibt derzeit viel Bewegung in diesem Bereich – sowohl was die Angebote, als auch die Nachfrage betrifft. Die Notwendigkeit einer adäquaten Palliativ-Versorgung hat auch die Stadt Essen erkannt und ist im Oktober 2015 der „Charta zur Betreuung schwerstkranker und sterbender Menschen in Deutschland“ beigetreten. Auch die Krankenhäuser in Essen beteiligen sich. Einen wichtigen Meilenstein in der Weiterentwicklung stellt der Essener Standard „Palliativ-Versorgung und Hospizkultur in Essener Krankenhäusern“ dar, der auf eine Initiative der Gesundheitskonferenz der Stadt Essen zurückzuführen ist. Darüber hinaus ist im Dezember 2015 das Gesetz zur Verbesserung der Hospiz- und Palliativ-Versorgung in Deutschland in Kraft getreten, das vielfältige Maßnahmen zur Förderung eines flächendeckenden Ausbaus der Hospiz- und Palliativ-Versorgung in allen Teilen Deutschlands enthält. Vor diesem Hintergrund ist es durchaus auch unser Anliegen, das Wissen um die Ziele, Inhalte und Möglichkeiten einer fachkundigen und zuverlässigen Palliativberatung und -Versorgung auf gesellschaftlicher Ebene bekannter zu machen und in den Köpfen der Menschen in Essen zu verankern. Der Bedarf ist schon heute vorhanden und die Anzahl an Personen, die den Kontakt zu uns suchen, trägt diesem Projekt bereits zum jetzigen Zeitpunkt Rechnung.

Wie geht es mit dem Projekt weiter?

Lisa Lindenberg: Unser Projekt hat durchaus Leuchtturmcharakter und ergänzt die bisherigen Beratungsangebote, die derzeit existieren und zum Teil auch durch die Hospizdienste vor Ort abdeckt werden. Dabei wird die „Palliativberatung Essen“ innerhalb des Netzwerks Palliativmedizin Essen (NPE) von MENSCHENMÖGLICHES e. V. zunächst für die Dauer von zwei Jahren finanziert, bevor das Projekt dann komplett in das NPE überführt werden soll. Darüber hinaus haben Versicherte in Zukunft die Möglichkeit – so sieht es das neue Gesetz vor – über ihre Krankenkasse eine individuelle Beratung und Hilfestellungen zu den Leistungen der Hospiz- und Palliativ-Versorgung in Anspruch zu nehmen.

Palliativmedizin bedeutet…

Palliativmedizin ist die aktive, ganzheitliche Behandlung von Patienten mit einer voranschreitenden, weit fortgeschrittenen Erkrankung und einer begrenzten Lebenserwartung zu der Zeit, in der die Erkrankung selbst nicht mehr therapiert werden kann. Dann ist es von höchster Priorität, die Schmerzen, andere Krankheitsbeschwerden, psychologische, soziale und spirituelle Probleme zu lindern.

 

Ihre Ansprechpartnerin: Lisa Lindenberg


Tel.: (02 01) 174 – 49992
Fax: (02 01) 174 – 49990
Mail: palliativberatung@netzwerk-palliativmedizin-essen.de

Sie können Frau Lindenberg montags bis freitags in der Zeit von 8.00 bis 16.00 Uhr erreichen. Vereinbarte Beratungsgespräche finden in den Räumlichkeiten des Netzwerks Palliativmedizin Essen (NPE), Töpferstraße 40 in 45136 Essen, statt. Beratungsgespräche sind kurzfristig nach vorheriger Absprache möglich!

Weitere Artikel