Buchprojekt:
Leben trifft Sterben

Gemeinsam mit der Autorin Helen Sibum hat der Verein Menschenmögliches e.V. das Buchprojekt „Leben trifft Sterben“ realisiert. Ab September ist es ist Buchhandel erhältlich.

Vorwort von Helen Sibum

Bücher sind schweres Gepäck. Wer beim Check-In am Flughafen dem strafenden Blick der Frau hinter dem Schalter entgehen will, tut gut daran, nicht allzu viele dabei zu haben. Insofern klingt es vielleicht aberwitzig, ein Buch machen zu wollen, das die Last mindert, das den Rucksack ein bisschen leichter werden lässt. Wir versuchen es trotzdem.
Wenn heute davon die Rede ist, dass jemand „seine letzte Reise antritt“, dann geht es in der Regel um ein Begräbnis. Dabei fängt die letzte Reise viel früher an. Sie beginnt in dem Moment, in dem eine tödliche Krankheit diagnostiziert wird, in dem ein Unfall jemanden mit irreparablen Schäden zurücklässt, oder in dem klar wird, dass die Kraft eines alten Menschen nicht mehr ausreicht, um das Ruder noch einmal herumzureißen. Von dieser Gabelung bis zum Ende des Lebens liegt noch ein gutes Stück Weg vor uns, eigentlich eine ganze Reise. Diese Reise ist nicht wohlig und weich wie Sandstrand unter nackten Füßen, sie ist nicht von so ungetrübter Entdeckerfreude wie der Aufstieg nach Machu Picchu, und nicht so heiter-gesellig wie ein Segeltörn im Kreise alter Freunde. Aber sie kann ein bisschen von all dem sein.

Tatsächlich haben Sterben und Reisen viel gemein. Wie das Sterben erfordert das Reisen Mut, denn es bedeutet Ungewissheit. Was erwartet uns hinter der nächsten Ecke, welche Begegnung, welche Herausforderung, welche neue Erfahrung? Was der Reisende erlebt, lässt sich nur begrenzt planen – man kann Weichen stellen, ist aber immer auch Ergebener der Umstände. Reisen bedeutet zudem, den Alltag zurückzulassen und ihn mit anderen Augen zu betrachten, aus der Distanz. Und vor allem: Jede Reise ist einzigartig. Niemand wird sie jemals ganz genau so wieder machen, niemand kennt all die Bilder, Gedanken und Gefühle, die sie erzeugt.

Es gibt unzählige Bücher über die erste Etappe des menschlichen Lebens, aber deutlich weniger über die letzte. Die ersten Monate eines neugeborenen Kindes, die Erfahrungen seiner Eltern und Geschwister – all das ist Gegenstand vielfältiger Betrachtung. Sicher, auch das Interesse für das Ende des Lebens scheint in jüngster Zeit gewachsen zu sein, im Vordergrund stehen dabei aber meist formale Dinge oder das, was nach dem Tod kommt. Es geht um Patientenverfügungen und die Diskussion über Sterbehilfe, um Trauerbegleitung und den Wandel in der Begräbniskultur. Wo bleibt da das Sterben, das zwar das letzte Kapitel vor dem Tod ist, aber immer noch Teil der großen Erzählung namens Leben? Das genau so viele Facetten kennt wie das Leben selbst, das die ganz dunklen Stunden ebenso mit sich bringt wie Momente von Zuversicht, Zufriedenheit, vielleicht sogar Glück? Wie gelingt nach der Kunst des Lebens auch die Kunst des Sterbens? Unsere Gesellschaft, die sich als besonders fortschrittlich betrachtet, hat offenbar besonders viel Nachholbedarf, wenn es um die ars moriendi geht.

Dieses Buch will kein Ratgeber sein, das wäre anmaßend. Es will das Sterben auch nicht beschönigen – bei aller Gemeinsamkeit bleibt der fundamentale Unterschied zwischen der letzten Lebensreise und der Reise in fremde Länder immer noch der, dass die Entscheidung zu letzterer üblicherweise freiwillig ist. Dieses Buch soll ein Kompass sein, das schon. Ein Kompass, der gefüttert ist mit Reiseberichten und der in ganz unterschiedliche Richtungen ausschlagen wird, je nachdem, wer ihn zur Hand nimmt. Reisende selbst und ihre Weggefährten haben uns teilhaben lassen an den vielen Geschichten, die das Sterben schreibt. Betroffene, Angehörige, Ärzte, Pfleger, Seelsorger und ehrenamtliche Begleiter aus dem Umfeld des Zentrums für Palliativmedizin der Kliniken Essen-Mitte haben wir gebeten, uns ihre Erfahrungen zu schildern mit dem, was Reisen ausmacht: Sehnsucht, Neugier, Kampfesmut, Achtsamkeit, Durchhaltevermögen, Offenheit, Lebenshunger, Entdeckerlust, Entschiedenheit, Toleranz, Umsichtigkeit, Gelassenheit, Phantasie, Vertrauen, Ankommensfreude.

Es sind Geschichten über das Sterben, in denen das Leben tobt, und zwar aufs Allerschwerste. Wir würden uns freuen, wenn das Buch dennoch hier und da den Weg ins Gepäck findet. Gute Reise.

Helen Sibum, 11. November 2012

Helen Sibum – Leben trifft Sterben
Geschichten einer Reise
190 Seiten, Broschur, farb. Abb., 13,95 €
ISBN 978-3-8375-0909-0
Im Buchhandel erhältlich!

Textauszug aus dem Buch